Turbo rein zum Karrierestart

von Rolf Heinrichs

"Leicht zu erraten, weshalb das Interesse am Verbindungsstudententum zunimmt: es bietet erschwingliche Wohnungen in den überlaufenen Hochschulstädten, Orientierungshilfe an Massenuniversitäten sowie eine Rundumausbildung, die über das normale Studium hinausgeht. ...Einem Bewerber, der Verbindungsstudent ist, bringt man natürlich mehr Vertrauen im Vorstellungsgespräch entgegen", gibt der Hamburger Personalberater und Alte Herr, Götz Junkers, offen zu. "...Wer in einer Studentenverbindung ist, hat für die Karriere ausgesorgt - fährt wie von einem Turbo-Lader beschleunigt der Karriere entgegen." (Capital 5/89)

"Wenn Bewerber einem Corps angehören, das den freiheitlichdemokratischen Grundkonsens unserer Gesellschaft mitträgt, ist das kein Nachteil", erklärt beispielsweise Hans-Joachim Motz, Personalmanager bei Henkel. Die Zugehörigkeit zeige, dass sich einer auch "außerhalb seines Studiums engagiert hat" (Wirtschafts-Woche 39/98)

So oder ähnlich lesen sich Berichte über die Berufschancen von Verbindungsstudenten, frei nach dem Motto: "Aktiv werden und mit der Karriere ist alles paletti!"

Aber war da nicht noch was? Sind Verbindungsstudenten und besonders Corpsstudenten nicht alle rechtsradikale Säufer und verbummeln mit ihren Schmissen auf der Wange ihr Studium?

Dazu Frank Ludwig, Jahrgang 1967, Dr. jur., Rechtsanwalt in einer großen Anwaltskanzlei in Bonn: "Nach meinem Abitur ( Note 'sehr gut' = Durchschnitt 1,0) begann ich nach Ende des Wehrdienstes mit dem Jurastudium in Würzburg und wurde gleich zu Semesterbeginn beim 1805 gegründeten Corps Franconia aktiv. Später wechselte ich nach München und wurde beim Corps Makaria aktiv. Das erste Staatsexamen habe ich nach neun Semestern mit der Note 'gut' (13,3 Punkte), das zweite Examen mit der gleichen Note und der Platzziffer 13 in Bayern abgelegt." Ludwig war bei seinen beiden Corps insgesamt fünf Semester "aktiv", hat sich also in dieser Zeit für die beiden Corps in überdurchschnittlicher Weise und an verantwortlicher Stelle eingesetzt. Allzu schlimm kann es demnach mit der zeitlichen Beanspruchung durch die Corps nicht gewesen sein, andernfalls wären die tollen Studienergebnisse nicht zu erreichen gewesen.

"Das Aktivsein hat eigentlich nur Spaß gemacht, beim Studium behindert hat es mich nicht", so Ludwig. "Ich wurde sogar für meine guten Studienleistungen noch ausgezeichnet und erhielt einen Geldpreis von DM 5.000", ergänzt er.

Frank Ludwig - eine Ausnahme? Ein Muster-Corpsstudent? Keineswegs! Seit 1987 verleiht ein von den Corpsverbänden eigens dazu gegründeter Verein nach Prüfung der Bewerbungsunterlagen durch einen hochkarätig mit Wissenschaftlern besetzten Beirat an überdurchschnittlich bei ihren Corps engagierte Corpsstudenten mit gleichfalls überdurchschnittlichem Studienergebnis einen mit DM 5.000 pro Preisträger dotierten Wissenschaftspreis. 1998 z.B. wurde der Preis an sechs junge Corpsstudenten vergeben, die eine große Anzahl nahezu ebenbürtiger Mitbewerber hinter sich ließen. Insgesamt wurden in elf Jahren seit 1987 stolze 54 junge Corpsstudenten aus allen Fachbereichen mit dem Wissenschaftspreis ausgezeichnet - ein schlagender Beweis dafür, dass Corpsstudenten nicht nur zu feiern verstehen.

Sie bekennen sich zum unbedingten Leistungsprinzip und studieren deshalb zielstrebig und erfolgreich, die Corpsbrüder achten schon darauf, dass jeder sein Studium zügig absolviert. Zunächst wird "höflich" gefragt nach Klausurergebnissen, mindestens am Ende eines jeden Semesters muss Auskunft über Studienerfolge gegeben werden. Keiner kann sich dem Druck der Gruppe entziehen.

Logisch, dass als leistungsfähig und belastbar bekannte Corpsstudenten beste Chancen zu einer weit überdurchschnittlichen Berufskarriere haben. Sie werden fit gemacht durch die von den Corpsverbänden unterhaltene Corps-Akademie. Die Akademie vermittelt Wissen und Fertigkeiten, die der Student an der Universität und bei seinen Professoren vergeblich sucht. Capital schreibt dazu: "Alle Verbindungen vor Ort oder verbandseigene Akademien veranstalten eine Vielzahl von Seminaren. Ob Bundesminister, Vorstandssprecher oder Hochschulprofessor: Redner wie Themen sind ebenso interessant wie kompetent. Seminare zur Persönlichkeitsbildung - Rhetorik, Motivation und Führungsverhalten - sind Pflicht für jeden."

Klar, dass die Mitgliederlisten der Corps sich wie das "who is who" der Führungsschichten unseres Volkes lesen. Beispiele wie Alzheimer, Brehm (der mit dem Tierleben), Bismarck, Ludwig Thoma (der Dichter), der Stahlkocher Mannesmann oder die Autopioniere Gottlieb Daimler und Wilhelm von Opel, dazu die Flugpioniere Hugo Junkers und Claudius Dornier kennen auch die Jungen, Hanns-Martin Schleyer und Alfred Herrhausen, die beiden von Terroristen ermordeten Wirtschaftsführer sowieso, natürlich auch die Bonner Minister Kanther und Schmidt-Jortzig, dazu den 1997 verstorbenen Rechtsberater von Boris Becker, Axel Meyer-Wölden u. v. a. Alle sind bzw. waren Corpsstudenten. Corpsstudenten sind "in", sie gehören zur Elite, zu den Führungskräften in Staat, Industrie und Gesellschaft.

Verbummelte Semester als Corpsstudent ist nicht! Wer bummelt fliegt! Schon immer wurde Leistung von Corpsstudenten über das übliche Maß hinaus gefordert, mit großem Erfolg, wie die lange Liste überaus erfolgreicher Corpsstudenten aus allen Lebensbereichen zeigt. Corpsstudenten fordern voneinander Leistung und unterstützen sich gegenseitig - wenn erforderlich, auch nach dem Studium. Für die Karriere hat es noch nie geschadet, bei einem Corps aktiv gewesen zu sein ...

Also: Turbo rein!

 
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